
Einer blieb allein zurück
Die Geschichte der Brüder Kurt, Hans und Willy und ihres Zuhauses in Nürnberg-Schoppershof
Da sind zuerst die drei niedlichen Knirpse: Adrett gekleidet in weiße Kittel, kurze Stoffhosen und einen modischen Matrosenanzug stehen sie mit ihren feingemachten Kleinjungenfrisuren in einem sonnenverwöhnten Gärtlein. Die drei Jungs, das sind die Schreyer-Brüder: Kurt, Hans und Willy, geboren 1919, 1920 und 1921 als Kinder des Lithografen Georg Schreyer und seiner Ehefrau Emilie Letsch, von Beruf Weißnäherin. Willy Schreyers Schwiegersohn Klaus Schwab hat die Geschichte der Familie erforscht und in mühsamer Recherche eine Ahnenliste erstellt, die bis in die Frühe Neuzeit zurückreicht.
Bei der Geburt der drei Buben lebte die Familie neben ihren Tanten mütterlicherseits, Thekla und Marie, im dritten Stock des Mietshauses Schoppershofstraße 67. Das war damals Stadtrand, und jenseits der Welserstraße, die wenig mehr war als eine breite, staubige Schotterpiste, erstreckten sich Gärten und Felder. Eben jenes Haus sehen wir auf einer um 1927 entstandenen Aufnahme. Foto-Ansichtskarten privater Häuser waren zu jener Zeit ein beliebtes Andenken für Verwandte und Freunde, das die Hausgemeinschaft in kleiner Auflage bei spezialisierten Verlagen bestellen konnte. Heute sind sie wertvolle Bildquellen für Historiker und Architekturforschende.

Als die Aufnahme entstand, war das Haus noch fast ein Neubau. Der Maurermeister Johann Geier und der Zimmermeister Georg Geiger hatten die beiden Mietshäuser Schoppershofstraße 65 und 67 in den Jahren 1906-07 als Kapitalanlage erbauen lassen. Die dreigeschossigen Rückgebäude kamen erst später hinzu. Dass hier offenbar derselbe Planer am Werk war, erweist sich in der nahezu identischen Gestaltung der beiden Häuser: Ihre Erdgeschosszonen sind gegen die Straße massiv in Burgsandstein ausgeführt, ebenso die profilierten Geschossgesimse und die dem Jugendstil anverwandten, geschwungenen Rahmungen der Fenster; die übrigen Mauerflächen tragen einen Putzüberzug. Den Anschluss zum Nachbarhaus Nr. 69 akzentuiert eine von Lisenen eingefasste Fensterachse, über der im Bereich der Mansarde ein Zwerchhaus mit geschwungenem Giebel mit seitlichen Kugelaufsätzen aufragt. Wer die Häuser entworfen hat, wissen wir jedoch nicht. Das Haus enthielt zur Bauzeit je Etage zwei Wohnungen, die von Beginn an mit privaten Toiletten ausgestattet waren.

Das Haus der Schreyers hat den Zweiten Weltkrieg ohne nennenswerte Schäden überstanden. Erst nach 1945 haben Modernisierungen – darunter der Austausch von Hoftor, Haustür und Fenstern – die charmante Außenwirkung verändert.
Als sich die Brüder 1943 trafen, sollte es das letzte Mal sein, dass sie einander sahen
Für die drei niedlichen Knirpse von einst aber hatte das Schicksal andere Pläne, wie Klaus Schwab zu berichten weiß: Als sie im März 1943 anlässlich von Kurts Hochzeit von der Front nach Hause zurückkehren durften, sollte es das letzte Mal sein, dass die drei einander sahen. Kurt fiel noch im Hochzeitsjahr in der berüchtigten Schlacht am Kursker Bogen, Hans gilt seit 1945 als vermisst, vermutlich ums Leben gekommen beim Vormarsch der Sowjetischen Armee gen Westen. Nesthäkchen Willy blieb allein zurück. Er studierte Medizin, gründete seine eigene Familie und war zuletzt Oberarzt des Instituts für Pathologie am Klinikum Nürnberg.
Ein altes Haus ist mehr als nur ein Bauwerk. Es ist verwoben mit den Schicksalen und Erinnerungen der Menschen, die es bewohnen und bewohnten. So wie die Schoppershofstraße 67, die für die Schreyer-Brüder Ort der Kindheit, der Jugend und des letzten Wiedersehens war.
Diese Serie lädt zum Mitmachen ein. Haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: redaktion-nuernberg@vnp.de. Noch viel mehr Artikel des Projekts „Nürnberg – Stadtbild im Wandel“ mit spannenden Ansichten der Stadt und Hintergründen finden Sie unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-Wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel
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