
Knochenjob Rennradfahren
Nur nicht auf den Hund kommen - aber warum eigentlich nicht? Radln an der Algarve
Hund ist nicht gleich Hund. Im Hinterland der Algarve jedenfalls lernen wir gute Beispiele dafür kennen. Die einen tun uns nix. Sie wollen nur kläffen, sobald wir mit den Rennrädern aufkreuzen. An staubigen Hofeinfahrten vorbei, auf leuchtendende Orangenhaine zu. Nahe alter Steinmauern, die die Wärme der Frühlingssonne speichern. Bellende Hunde beißen nicht. Der innere Schweinehund schon. Auch der ist hier ein steter Begleiter. Aber dieses wahre Biest darf uns kennenlernen.
Die Schönheit der Landschaft und das Biest der Herausforderung - the beauty and the beast - stecken hier im Süden Portugals für Radfahrer unter einer Hundedecke. Kein Wunder, dass sich die Velo-Profis Europas diese Ecke am atlantischen Südwestrand des Kontinents jedes Jahr aussuchen, um beim Rennen "Volta Algarve" Ende Februar vier Tage lang in die noch junge Saison zu strampeln. Aber die Temperatur von knapp 20 Grad mit vielen Sonnenstunden ist nicht nur den Spitzensportlern vorbehalten. Sie ist frei erhältlich wie das Hügelland mit oft bis zu zehnprozentigen Steigungen für dich und mich.
Die Algarve kann es mit populären Radlrampen wie Mallorca oder Südtirol also locker aufnehmen. Entsprechend ähnlich öffnen die Tourismusverbände die als Radrennstraßen genutzten Routen auch für Amateure.
"Granfondo Algarve" heißt die Veranstaltung für den freiwilligen Knochenjob jedes Jahr in Südportugal, der rund 1500 Hobbysattelschwitzer anzieht. Bei der Granfondo, bei der für vergleichsweise günstige 40 Euro jeder mitfahren kann, lauern 130 Kilometer und 2.313 Höhenmeter. Wem das als Gassirunde für den inneren Schweinehund zuviel ist, der kann immer noch auf die Mediofondo ausweichen, bei der man 88 Kilometer und 1375 Höhenmeter lang im Rudel der Klickpedalritter mitreitet.
Belohnungen locken. Im "Germano BiciArtCafé" im Bergdorf Alte etwa, dieser Sinnesoase für die Auszeit, bedeutet das mehr als nur Koffein. Eben weil der Laden kein "normales" Café ist, sondern ähnlich wie in Nürnberg das Rennradbistro "Eddy would attack" eine inspirierende Wärmestube für Gleichgesinnte. Nur mit dem Unterschied, dass in Alte, das als eines der "typischsten Dörfer der Algarve" vermarktet wird, der Blick über frühlingsgrüne Berglandschaften und einem Bächlein nahe der Straßenkurve schweift.
Der Laden hat auch drinnen ein Gesicht: Pedro Domingues. Seit 2012 folgt der Zweiradschrauber, Trikotsammler, Optimist, was die Wiederbelebung uralter Drahtesel betrifft, und Kaffeemaschinenkünstler seiner Kette der Nachhaltigkeit. "Onde a imaginação criou rodas" – wo Fantasie Räder bekommt -, lautet sein Diktum.
Ein Diktum auch des Glaubens an die Region. Wahrscheinlich hat er die fantastischen Gene des Opas geerbt. Der Strichcode im Logo des Cafés jedenfalls soll an das Akkordeon von Pedros Großvater Germano erinnern, den wir uns als einen lebenslustigen Musikanten vorstellen dürfen. Was für eine ladengeworbene Hommage! Wie Pedro sich auf ihn beruft, kann sich das manch anderer Opa nur wünschen.

Ein Café also als Statement. Und die Exemplare aus Pedros Radsport-Trikot-Sammlung, die er jährlich anlässlich des Profirennens Volta Algarve wäschenleinengleich zwischen die Straßenlaternen hängt, wehen im Wind wie buddhistische Gebetsfahnen. Hoffentlich beteiligt er sich auch daheim so an der Wäsche.
Okay, ganz so buddhistisch sind die Wäscheleinen nicht. Eine spärlich bekleidete Carlott auf dem Radlshirt zum Beispiel, wie sie neben dem Verkehrsschild baumelt, dürfte anderswo heute an der political correctness scheitern. Bezeichnend, dass das Verbotene-Einfahrt-Schild neben dem Oldschool-Carlott-Motiv angefahren und verbogen ist. Alles hat seine Zeit.
Cafébetreiber Pedro schraubt und betreibt das Kaffeehaus indessen mit einer Passion, als wolle er Marcel Prousts "Auf Suche nach der verlorenen Zeit" weiterschreiben. Roman Band acht. Nebenher treibt er sich auch noch auf Wochenmärkten mit regionalen Produkten herum und ist schon mal mit Kunst-Aktionen zum Thema Nachhaltigkeit dabei. Etwa in Lulea. Rund 70.000 Menschen wohnen in der romanisch geprägten Kleinstadt, die im Speckgürtel der Küstenregion liegt. Dort also zwischen Tavira und Albufeira, wo sich der Großraum Faro ziemlich dicht besiedelt breit macht und manche Idylle verdrängt.

Aber hey, Speckgürtel, den kann man sich im Hinterland abtrainieren. Vor die Hunde geht so schnell keiner. Und egal ob Absteiger, Aufsteiger oder Aussteiger: Wem bunte Vögel in Zweiradkostümen und wattierten Radwindelhosen auf den Tachozeiger gehen, der kann immer noch in den Naturschutzgebieten der Küste runterfahren und sich erholen. Setzen nicht gerade Zugvögel schwer auf die Algarve? Wenn die keinen langen Atem haben und beflügeln, wer dann.
Mehr Informationen:
www.visitportugal.com
Fahrradverleih an der Algarve:
www.bikesul.pt
Anreise:
Ryanair fliegt nonstop ab Nürnberg nach Faro.

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