
Schlüsselposten besetzt
SPD sortiert sich: Lars Klingbeil ist der erste Gewinner - doch ein fataler Fehler droht
Ein derart schlechtes Ergebnis, wie es die SPD gerade bei der Bundestagswahl erlebt hat, will erst mal verarbeitet sein. Knapp über 16 Prozent, das ist für die Partei der bisherige Tiefpunkt in der Nachkriegsgeschichte. Kanzler Olaf Scholz als Hauptverantwortlicher hat schon mal die Konsequenzen gezogen und will sich aus der Spitzenpolitik zurückziehen. Was sollte er auch sonst tun? Für ihn gäbe es keinen geeigneten Posten mehr, selbst wenn er wollte.
Bemerkenswert ist, dass die beiden höchsten Verantwortungsträger der Partei offensichtlich zunächst für sich gar keinen Handlungsbedarf sehen. Vorsitzende Saskia Esken schaffte es in ihrem Wahlkreis, bei den Erststimmen mit 12,63 Prozent noch schlechter abzuschneiden als die Bundes-SPD. Sie bleibt.
Lars Klingbeil: Nach der Niederlage eine Beförderung
Ihr Co-Chef Lars Klingbeil wird sogar befördert und erhält zusätzlich den wichtigen Fraktionsvorsitz im Bundestag. Auf ihn konzentriert sich nun fast alles. Für den höchst wahrscheinlichen Fall einer Koalition mit der SPD kann er sich dann immer noch selbst ins Kabinett einwechseln und zum Beispiel Bundesaußenminister werden.
Er ist erst 47 Jahre alt und kann gegebenenfalls noch Jahrzehnte ganz oben mitmischen. Klingbeil bringt es fertig, mit sanfter Stimme in Talkshows und auf der Bühne des Willy-Brandt-Hauses seine Zuhörer für sich einzunehmen - und gleichzeitig harte Machtpolitik alten Schlages zu betreiben. Diese Kombination und der Mangel an anderen, jüngeren Talenten erlaubt es ihm, die wichtigste Figur in der SPD zu werden.
Und was ist mit Boris Pistorius, dem nach wie vor beliebtesten Politiker des Landes? Zu seiner Person war bisher vergleichsweise wenig zu hören. Er ist erst mal an seinen Dienst als Verteidigungsminister im alten, nicht mehr besonders entscheidungsfähigen Kabinett gebunden, vermutlich noch zwei Monate lang. So viel Beinfreiheit wie Klingbeil hat er nicht.
Die Sozialdemokraten sollten sich hüten, den Fehler des Wahlkampfes zu wiederholen, als der Publikumsliebling Pistorius nur eine Nebenrolle spielen durfte und in kaum einer der vielen Wahlarenen im Fernsehen auftauchte. Wenn das jetzt erneut geschieht und er nicht ganz vorne positioniert wird, zum Beispiel als Vizekanzler in einer neuen Regierung, dann ist der Partei wirklich nicht mehr zu helfen.
Wer ist mehrheitsfähig?
Die SPD muss sich, gerade jetzt im tiefen Tal, daran gewöhnen, dass nicht nur die Favoriten der Funktionärskaste in öffentlichen Ämtern Karriere machen sollten, sondern die beim Volk mehrheitsfähigen Personen. Wer in den vergangenen Monaten den Ex-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der sich ins Privatleben zurückgezogen hat, bei etlichen TV-Auftritten erlebt hat, der hörte ihm gefesselt zu. Er analysiert die Lage von Partei und Politik so schlüssig wie kaum ein anderer. Nur in der Sozialdemokratie interessiert das niemanden mehr.
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