Er wird - aller Voraussicht nach - der nächste Kanzler: Friedrich Merz am Wahlabend.
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Er wird - aller Voraussicht nach - der nächste Kanzler: Friedrich Merz am Wahlabend.

Kommentar

Merz muss ein gespaltenes Land klug zusammenführen - und alle müssen verbal abrüsten

Diese Wahl hat manches geklärt. Die Zukunft von Christian Lindner zum Beispiel: Das schier grenzenlose Selbstbewusstsein des FDP-Chefs steht im Widerspruch zur Einschätzung der Wähler. Sie haben die Partei, die Lindner aus den Liberalen gemacht hatte, nun gewogen - und für zu leicht befunden.

4,3 Prozent. Noch weniger als die 4,8 Prozent 2013, zum zweiten Mal erst ist die FDP nicht mehr im Bundestag vertreten. Und das ist gut so: Wir brauchen dringend eine liberale Partei, die Freiheitsrechte verteidigt - aber nicht diese FDP.

Lindner hat sie verengt auf dogmatischen Wirtschafts-Liberalismus, auf Blockade und Destruktion in der Ampel - und auch auf seine eigene Person. Nun verlässt er die Bühne. Und die FDP hat die Chance für einen Neuanfang.

Es gibt nun auch keinen Bremser mehr, der die von nahezu allen Ökonomen in Frage gestellte Schuldenbremse weiter zum Dogma erhebt. Für deren Reform ist aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag nötig. Dafür braucht Merz auch die Stimmen der Linken, mindestens.

Das bedeutet: Der designierte Kanzler muss sich quasi neu erfinden. Muss zusammenführen, ausgleichen, moderieren und den Kurs prägen. Bisher trat er mal staatsmännisch, oft aber polarisierend auf. Am Samstag vor der Wahl grenzte er all die Menschen, die gerade gegen einen Rechtsruck auf die Straße gehen, pauschal als "grüne und linke Spinner" aus, die "nicht zur Mehrheit" zählen: So verprellt man Partner wie die SPD, auf die er nun angewiesen ist.

Auch in der CDU gibt es inzwischen Kritik an Friedrich Merz

Inzwischen gibt es auch parteiintern Kritik an Merz, der zuvor mit seinem Tabubruch im Bundestag (er ließ sich auf AfD-Unterstützung ein) viele empörte: Ex-Bundespräsident Christian Wulff machte die "Polarisierung, die insbesondere die CDU/CSU am Ende des Wahlkampfs gemacht hat", fürs Erstarken der Ränder links und rechts verantwortlich.

Doch alle müssen nun verbal abrüsten - neben den Hardlinern in der Union auch jene bei SPD und Grünen, die CDU und CSU ins ganz rechte Eck schieben wollen. Das geht nicht, es braucht einen Erfolg der gar nicht mehr wirklich großen, sondern gerade noch zusammengekommenen Koalition aus Union und SPD, um die Republik zu stabilisieren.

Das wiederum betonen alle Demokraten ja immer wieder: Wenn die neue Regierung nun nicht wirklich liefert und etliche längst anstehende Aufgaben angeht, dann wird es bei der nächsten Wahl 2029 - oder, hoffentlich nicht, wieder früher - wirklich brandgefährlich für die Stabilität des Landes. Auch die AfD-Spitze spricht immer wieder von diesem Datum als möglicher Wendemarke, an der die Macht-Teilhabe der Rechtsradikalen nicht mehr zu verhindern sein könnte.

Die Herausforderungen sind daher gewaltig, innen wie außen. Trumps Kumpanei mit Putin ist die nächste, drastische Zeitenwende mit unabsehbaren Folgen. Da braucht es ein gut regiertes Deutschland als europäischen Anker. Man kann, ja muss Merz und seinem Kabinett nur Glück und gutes Gelingen wünschen.

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